Die Zukunft denken wagen – als Voraussetzung für Veränderung

In den Umweltwissenschaften haben wir das Instrument des Rückblicks aus der Zukunft erfolgreich eingeführt. Es bedeutet, dass wir die gegenwärtigen Verhaltensmuster theoretisch fortschreiben und die dann zu erwartenden Folgen aufzeigen.

Ein Beispiel: Ich habe seinerzeit dem Tiroler Landeshauptmann, Eduard Wallnöfer, aufgezeigt, dass Tirol in etwa 50 Jahren zugebaut sein wird, wenn die gegenwärtige Förderung des Straßenbaues und der Siedlungstätigkeit nicht eingebremst wird. Dies war nicht nur ein Augenöffner, sondern auch ein Anstoß, die Zukunft anzudenken.

Dies gilt es nun weltweit zu tun. Die Verhaltensmuster ‚immer größer – immer schneller‘ können als Raserei in den ökologischen und sozialen Abgrund erkannt werden.

Eine Kurskorrektur setzt allerdings voraus, dass wir nicht die Augen vor den erwartbaren Folgen verschließen, sondern auch bereit sind, zukunftsfähige Verhaltensmuster zu verwirklichen – obwohl die sogenannten gesellschaftlichen ‚Sachzwänge‘ uns davon abhalten.

Hierzu wieder ein Beispiel: Ein ehemaliger Generalgouverneur der Nationalbank, dem ich in einer Diskussion vor dreißig Jahren vorgehalten habe, dass die derzeitige Finanzordnung mit ihrer asymmetrischen Vermögensverteilung zu einem unhaltbaren Zustand führen muss, gab mir unter vier Augen die Antwort: „Du hast recht, aber wir spielen es solange es möglich ist.“ Ich habe geantwortet: „Du bist wenigsten ehrlich! Die meisten lügen über diese Tatsache hinweg, um im gegenwärtigen System weiter zu reüssieren.“

Es geht also um den Mut und die innere Einstellung, die Zukunft neu zu denken, die Schlussfolgerungen daraus zu ziehen und zu versuchen, sie zu verwirklichen.

Wieder ein Beispiel: Ich lebe im waldreichsten Bezirk Österreichs (Lilienfeld). Das Land Niederösterreich hat eine Erdgasleitung bis hierher gefördert und das Stift Lilienfeld als großer Waldeigentümer hat mit dem bequemen Erdgas geheizt. Auch Haushalte wurden angeschlossen.
Ich habe den Akteuren vorgehalten, dass die Zukunft in der Erschließung des optimalen regionalen Energiemix liegen wird (was nunmehr versucht wird) und habe, verlacht und behindert, die erste Hackschnitzel-Heizung installiert.
Nun ist dies Stand der Technik und regional dominierendes Verhaltensmuster.

Für eine zukunftsfähige Gesellschaftsgestaltung stehen uns die erkennbaren Systemprinzipien der Humanbiologie und der Biosphäre als Orientierung zur Verfügung: Die Humanbiologie erfordert für ein glückhaftes Leben überschaubare gesellschaftliche Einheiten mit erkennbaren und verwirklichbaren Rollen. Dies ist organisatorisch und mit angepasster Technologie erreichbar.

Also intelligent dezentralisieren und vernetzen, statt immer größer und menschenferner zu planen.

Die Systemprinzipien der Biosphäre, deren Teil wir sind, weisen in dieselbe Richtung: Wenn wir intelligent dezentralisieren, können wir die nachstehenden Erfordernisse erfüllen:

  • Die Energieversorgung auf die direkte und indirekte Nutzung (insbesondere Biomasse) der Sonnenenergie sowie der Wasserkraft ausrichten.
  • Stoffkreisläufe schließen
  • Energie und Materialien kaskadisch nutzen (Nutzung der verschiedenen Temperaturniveaus; Reparatur und Instandhaltung, Wiederverwendung, Wiederaufbereitung)
  • Biologische Vielfalt (Biodiversität) verwirklichen – insbesondere in der Land- und Forstwirtschaft
  • Dezentralisierung aller Versorgungssysteme.     

Hierzu bedarf es des oft schmerzhaften – aber am Ende beglückenden – Neudenkens der Zukunft. Dieses verlangt nicht nur eine Abkoppelung von den dominierenden Finanz- und Handelsregeln, sondern auch das mutige lokale Anpacken in Richtung Zukunftsfähigkeit.

Ein Leitsatz des chinesischen Philosophen und Staatsmannes, Konfuzius, sollte uns dabei Mut machen:

Wer seine Lage erkannt hat, wie soll er aufzuhalten sein?!

Konfuzius

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