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Mechanistisches Weltbild – Das Desaster der Welttheorie

Raimund Dietz 4. Dezember 2020 4 Minuten gelesen
Copy of Das Organisationsteam stellt sich vor(3)

Mut zur Geldschöpfung durch den Souverän

Die Wirtschaftswissenschaften – der Mainstream, aber auch die meisten seiner Kritiker – operieren geistig im Feld des mechanistischen Weltbildes. Nur in dieser Denkwelt kann man mit Gleichungssystemen arbeiten; diese Denkwelt ist statisch und kennt keine Emergenzen.

In der geistigen Welt der Mechanik (als Ergebnis der ersten Aufklärung), die das, was den modernen bürgerlichen Menschen und die bürgerliche Gesellschaft auszeichnet, nie verstanden hat, gibt es kein freies, souveränes, schöpferisches Subjekt. Dem steht die Lebenserfahrung entgegen, die uns sagt: der Mensch ist frei ­– z.T. zumindest – und kann durchaus Neues in die Welt setzen. Die mechanistische Weltdeutung und Freiheit/Verantwortung aber gehen nicht zusammen.

Dieser Widerspruch zeigt sich besonders auch in der Theorie des Geldes. Ohne Geld gibt es zwar keine Wirtschaft, keine Freiheit, keine Innovation, keinen Wohlstand. Aber Geld – ein Produkt gesellschaftlicher Kultur und folglich ein emergentes Phänomen – hat im Denken des Mainstream keinen Platz. Wenn es geldtheoretische Ansätze gibt, dann laufen sie nebenher und sind mit der Theorie der Wirtschaft nicht verbunden.

Die Kritiker des Mainstream, die sogenannten Heterodoxen, machen alles noch schlimmer. Anstatt die Orthodoxie ihres Determinismus wegen anzugreifen und auf­zuzeigen, dass sie keinen Platz für Geld, für Freiheit und Selbstverantwortung bietet, hat sie nichts Besseres zu tun, als Geld als Schuld zu deuten, womit sie die emanzipatorische Funktion von Geld leugnet. Wir finden also die Situation vor, dass der Mainstream von Geld abstrahiert oder, was auf das gleiche hinausläuft, Geld für neutral erklärt – und die Gegenkraft, die Heterodoxie Geld als Schuldtitel denunziert. Damit wird die Ökonomik dem Wesen des Geldes als Mittel der Emanzipation aber auch als Gefahr für die Zivilisation, die es zu beherrschen gilt, in keiner Weise gerecht.

Der mechanistische Mythos und seine verfehlte Kritik vergiftet seit jeher schon den Diskurs über Geld und spielt den Fi­nanzeliten in die Hände.

Diese können sich nur darüber freuen, wenn die Wirkung von Geld verkannt oder wenn Geld mit Kredit oder Schuld gleichgesetzt wird. Denn das ist der Freibrief dafür, dass Geld über Kredit und sogar Eigenkäufe von Assets (auch Immobilien) in Umlauf gebracht werden darf – nach Auffassung der Theorie sogar muss, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Geld ist aber kein Schuldtitel, sondern ein liquider Bestand, der sich in den Händen von Wirtschaftsbürgern befindet, um ihnen die Möglichkeit an die Hand zu geben, die von Ihnen gewünschten Transaktionen selbstverantwortlich auszuführen.

Durch keine dieser Transaktionen soll sich die Geldmenge verändern dürfen. Die einzige Institution, die berechtigt sein soll, die Geldmenge zu erhöhen, folglich Geld in Umlauf zu bringen, sollte der Souverän sein, vertreten durch eine unabhängige Institution, die nach dem Vorbild der Höchstgerichte ausgestaltet sein sollte. Zweckmäßigerweise könnte diese Institution – eine Neufassung der Zentralbank, eine Art von Währungsbehörde – Geld aus dem Nichts schöpfen, dieses dem Finanzminister zur Verfügung stellen, der es dann via Staatsausgaben nach Maßgabe parlamentarischer Entscheidungen in Umlauf zu bringen hätte. Die Geldmenge müsste natürlich immer wieder an die Größe der Wirtschaft und Schwankungen des Liquiditätsbedarfs angepasst werden, was mit einem einfachen Buchungsvorgang möglich wäre. Die Geldmärkte und die Geschäftsbanken wären dazu da, das Geld dorthin zu allozieren, wo es gebraucht wird.

Heute haben wir ein völlig anderes System: Pseudogeld wird durch Banken über Kredit und Einkäufe von Vermögenswerten aus dem Publikum erzeugt und entsprechend dann wieder stillgelegt. Da nicht nur eine, sondern viele Banken Pseudogeld in die Welt setzen, und diese Pseudogelder naturgemäß nur Zentralbankgeld vertreten können, müssen die Spitzen, die bei Pseudogeldbilanzen auftreten, durch Zentralbankgeld ausgeglichen werden. Dies hat zur Folge, dass nicht die Währungsbehörde – eine unabhängige Zentralbank – bestimmt, wieviel Geld in Umlauf ist,  sondern die Banken und andere Finanzinstitutionen, die, in Konkurrenz miteinander um eine maximale Ausdehnung ihrer Bilanzen ritternd, Forderungen und Schulden in unsinnige Höhen treiben, und die Gesellschaft gelegentlich an den Rand des Abgrunds bringen. Dieser Wahnsinn kann nur durch die Beseitigung des (Un‑)Rechts der Geschäftsbanken auf Erzeugung von Pseudogeld und durch die Ausweitung des Rechts der Zentralbank auf Erzeugung des gesetzlichen Zahlungsmittels auch auf Buchgeld behoben werden.

Viele warten auf große Veränderungen, auf irgendeinen Systembruch, auf was ganz anderes. Sie sehen nicht, was der nächste Schritt ist, wo man ansetzen muss und ansetzen kann. Die einfachste und grundlegende Maßnahme besteht darin: das Geldschöpfungsrecht des Souveräns auch auf das Buchgeld auszudehnen.

Über den Autor

Raimund Dietz

Raimund Dietz

Editor

Geldphilosoph , Gesellschaftstheoretiker, Ökonom. Obmann der Initiative proVollgeld e.V . Autor des Buches: Geld und Schuld; Metropolis-Verlag, 6te Auflage 2018.

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