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Kommentar zum Vortrag “Geld und Staatschulden – was ist das Problem?” von Walter Ötsch

Raimund Dietz 16. Oktober 2020 5 Minuten gelesen
Copy of Das Organisationsteam stellt sich vor(5)

am 14.10.2020 fand ein interessanter und sehr lehrreicher Vortrag von Prof. Walter Ötsch über Geld und Staatschulden in der Diplomatischen Akademie statt. Die Powerpoint-Präsentation von Prof. Ötsch kann man von dessen Webseite herunterladen. https://walteroetsch.at/vortrag_schuldegeld-wien-okt2020/
Nachfolgend meine Gedanken dazu:

„Die riesigen Rettungspakete aus dem Corona-Schock haben zu lauten Warnungen vor einer drohenden Inflation geführt. Wenn der Staat so viel neue Kredite aufnimmt und wenn die Zentralbanken ihre Bilanzsumme erhöhen, dann muss das – so wird oft gesagt – zu einer hohen Inflation führen. Aber sind diese Warnungen überhaupt berechtigt und auf welchen Theorien beruhen sie? Diese und andere grundsätzliche Fragen werden im Vortrag angesprochen: Was ist Geld und wie kann neues Geld geschaffen werden? Was bedeutet es Schulden aufzunehmen und welche Rolle nehmen Staatsschulden ein? Wie kann man die neuen Aufgaben für den Staat finanzieren? Geht das auf Kosten der nächsten Generation?“

Prof. Ötsch im Vorspann

Wenn eine Wirtschaft, etwa durch die Finanz- oder jetzt durch die Covid-Krise ins Taumeln kommt, gibt es im Prinzip drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

Erstens gar nicht, in der Hoffnung, dass sich alles wie von selbst einrenkt. Selbst die radikalsten Marktliberalen vertreten die Ansicht, dass der Staat die Wirtschaft in solchen Fällen unterstützen müsse.

Sich verschulden und Geld zu drucken, sind die beiden anderen Möglichkeiten. Aber auch das ist nicht ohne wirtschaftliche Folgen – zumindest nicht auf Dauer. Wer sich verschuldet, muss später das Geld samt Zinsen zurückzahlen, und wer Geld vermehrt, setzt die Wirtschaft einer Inflationsgefahr aus.

Der Staat ist natürlich ein guter Schuldner, aber das Sich-Verschulden hat auch bei ihm Grenzen. Irgendjemand hält entsprechende Forderungen in der Hand, für die er etwas haben möchte, sei es auch nur, um die Geldentwertung auszugleichen. Der einzige geduldige Gläubiger ist die Zentralbank, die dem Staat selbst gehört, und dem Staat Geld zur Verfügung stellen könnte, und es heute umständlich über einen Umweg über die Geschäftsbanken auch tut – zwar nicht unentgeltlich, aber zu niedrigen Zinsen. Das aber ist nichts anderes als die Geld-Druckmaschine betätigen und die Geldmenge erhöhen. Das hat natürlich erst recht seine Tücken: vermehrt man nämlich die Geldmenge (gleichgültig ob bar oder elektronisch), ohne dass sich auch die Gütermenge erhöht, steigt das Inflationspotenzial. Die Inflation muss zwar nicht sofort kommen, wie viele unterstellen. Wenn man aber davon ausgeht, dass die durchschnittliche Bereitschaft der Wirtschaftssubjekte, Geldbestände zu halten, sich nicht beliebig steigern lässt, wird sich eine erhöhte Geldmenge eines Tages in einer höheren Inflationsrate niederschlagen. Setzt die Geldentwertung einmal ein, gibt es bei solchen Geldüberhängen dann kein Halten mehr. Aus diesem Grund empfehlen manche Ökonomen, das Inflationsziel gleich auf 4% zu heben, um solche Überhänge ständig abzubauen. Die Sparer werden begeistert sein!

Der Staat ist zwar kein normales Wirtschaftssubjekt. Denn er kann Geld schöpfen. Aber auch er kann sich der wirtschaftlichen Logik nicht auf Dauer entziehen. Unglücklicherweise hat er das Recht auf Geldschöpfung den Geschäftsbanken überlassen, mit der Folge, dass er umso mehr Geld drucken muss, um den Laden in Krisenzeiten am Laufen zu halten. Denn die Zentralbanken dürfen dem Staat nicht direkt Geld geben. Sie müssen Unmengen an die Banken vergeben, in der Hoffnung, dass ein Teil in der Realwirtschaft landet.

Fazit: auch in einem Fiat-Geldsystem entkommen wir nicht ganz den Gesetzen der Ökonomie.

Der Vortrag war lebendig, und der Vortragende zeichnete sich u.a. dadurch aus, dass er wusste, dass die Geschäftsbanken Geld erzeugen. Das ist nicht bei jedem Professor der Ökonomik der Fall. Anstatt aber die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken zu problematisieren, die der Grund für die überhöhte Staatsverschuldung schon vor der Finanzkrise war und noch immer ist – bei der Geldschöpfung durch den Staat beliefe sie sich auf wenige Prozentpunkte – versuchte Ötsch in typisch post-keynesianischer Manier, die Verschuldung von Seiten des Staates zu bagatellisieren. Dabei begibt er sich aber auf einen gefährlichen Denkpfad.  Im Übrigen treffen die Überlegungen Ötschs keinesfalls auf kleinere Länder zu. Die USA oder auch Länder des Euroraumes können sich eine hohe Staatsverschuldung nur deshalb leisten, weil ihre mächtigen Währungen von außen nicht leicht angreifbar sind.

Besser als hohe Schulden zu machen und die Gelddruckmaschine immer wieder heiß laufen zu lassen, und damit das Finanzsystem anzufüttern, wäre es, wenn man die Erzeugung von Bankengiralgeld (was auf dem Bankkonto verbucht ist, ist eine kleine Teilmenge davon) ebenfalls auf die Zentralbank übertrüge, und damit die Geschäftsbanken zu Geldvermittlern machte, auf dass sie so funktionieren, wie alle glauben, dass sie funktionieren. Das würde die Wirtschaft keineswegs ruinieren und zu einer Kreditklemme führen. Denn mit einer vorgegebenen Geldmenge können so gut wie beliebig viele Kredite vergeben werden. Außerdem hätte es die Zentralbank in der Hand, die Geldmenge jederzeit an den Bedarf der Wirtschaft anzupassen und, wie jetzt auch, den Geschäftsbanken Kredite zur Verfügung zu stellen.

Raimund Dietz ist Obmann von proVollgeld

Über den Autor

Raimund Dietz

Raimund Dietz

Editor

Geldphilosoph , Gesellschaftstheoretiker, Ökonom. Obmann der Initiative proVollgeld e.V . Autor des Buches: Geld und Schuld; Metropolis-Verlag, 6te Auflage 2018.

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