Geld – Wie es in die Welt kam

von Samirah Kenawi

Geld entstand im Handel, genauer gesagt im Fernhandel.

In der Familie, im Clan oder in der Dorfgemeinschaft konnte eine „Rechnung“ vorübergehend offen bleiben, denn in den archaischen Gemeinschaften kannten und brauchten alle einander und vertrauten darauf, dass eine Gabe irgendwann durch eine Gegengabe erwidert wird. Die Geschenkwirtschaft schuf ein Geflecht aus Geben und Nehmen, durch das auch soziale Verbindlichkeiten gepflegt wurden.

Im Fernhandel war nicht sicher, ja eher unwahrscheinlich, dass sich zwei Handelsleute je wieder begegnen würden. Geben und Nehmen mussten im Fernhandel folglich sofort ausgeglichen werden. Die heimische Geschenk­wirtschaft wurde unter Fremden deshalb durch Tauschwirtschaft ersetzt. Werte und adäquate Gegenwerte wechselten dabei zeitgleich hin und her.

Allgemein begehrte Waren wie Bronzegeräte wurden bald zu Zwischen­handelsgütern, also zu Tauschvermittlern. Wer Holz gegen Gewürze tauschen wollte, gab dem Gewürzhändler, wenn der kein Bauholz brauchte, Bronzegeräte für die Gewürze. Der Gewürzhändler konnte die Bronzegeräte später gegen Seide, Bernstein oder beliebig anderes eintauschen.

Aus den Zwischenhandelsgütern wurde Gerätegeld. Anfangs waren diverse Bronzegeräte als Tauschvermittler im Gebrauch: Schüsseln, Ringe, Spangen, Messer, Schwerter, Spaten, Beile, Trommeln…

Nach und nach setzten sich in Europa Beile und später Sicheln als Gerätegeld durch. In China fanden vor allem Messer und Spaten als Gerätegeld Verwendung.

Samirah Kenawi: Geschichte des Geldes

Kümmerformen – Vom Nutzgeld zum Wertsymbol

Um 1200 vor unserer Zeit tauchte in Hortfunden immer wieder zerbrochenes Gerätegeld auf. Dann erschienen in Europa und Asien sogenannte Kümmerformen des ursprünglichen Gerätegeldes.

Kümmerformen sind kleine Bronzestücke, die in ihrer Form an das einst gebrauchsfähige Gerätegeld erinnern, selbst aber keinerlei Gebrauchswert mehr besitzen. Mit ihnen entstanden die ersten reinen Wertsymbole. Kümmerformen sind somit Vorformen der Münzen.

Erste Münzen wurden im 7. Jahrhundert vor unserer Zeit geprägt. Im Mittelmeerraum begannen die Münzen ihren Siegeszug von Griechenland aus. In Asien entstanden Kümmerformen und Münzen etwa zeitgleich, aber unabhängig von ihrer Entwicklung in Europa.

Lange nachdem Beile als Gerätegeld aufgehört hatten als Gebrauchsgegenstände zu dienen, verwandelten sie sich als Kümmerformen in Wertsymbole.

Samirah Kenawi: Geschichte des Geldes

Hortgeld – Notwendiges Handelskapital

Bronzezeitliche und antike Handelswege lassen sich gut anhand der Hortfunde verfolgen, die zu Tausenden überall in Europa und Asien ausgegraben worden sind.

Bronzegeräte, Gerätegeld, Bronzebruch, Kümmerformen und Münzen hat die Archäologie wieder ans Licht gebracht, oft Jahrtausende nachdem sie vergraben worden waren.

Erz, das der Erde mühsam durch Bergbau und Verhüttung abgerungen worden war, war der Erde durch Vergraben zurückgegeben worden. Hortfunde sind so auch Sinnbild sinnloser Arbeit, denn die gesamte in die Herstellung dieser frühen Zahlungsmittel investierte – mühevolle, schweißtreibende und Wälder vernichtende – Arbeit wurde durch das Vergraben des Hortgeldes faktisch vernichtet.

Hortgeld zeugt aber auch vom Sparwillen der Menschen ganz ohne Zinserwartung. Gespart wurde in jener Zeit allerdings im wesentlichen von Kaufleuten, denn mit dem Entstehen des Geldhandels wurde Geld zu einer Voraussetzung für den Handel.

Aus der Notwendigkeit Handelskapital zu bilden, entwickelte sich der Zwang zum Bilden von Eigenkapital, also zur Vermögensbildung über den Konsumbedarf hinaus.

Mit dem in der Bronzezeit entstehenden Zwang und bald auch Hang zur Kapitalakkumulation beginnt die lange, grausame Geschichte der Ausbeutung von Menschen durch Menschen. Diese Geschichte wird erst ein Ende finden, wenn wir den Zwang zur Bildung von Eigen­kapital auflösen.

Samirah Kenawi: Geschichte des Geldes

Kerbholz – Handel ohne Kapital

Gespaltene Kerbhölzer sind eine Möglichkeit ein Verrechnungsmittel ohne vorherige Kapitalakkumulation direkt im Handel entstehen zu lassen. Es braucht dazu nur ein Stück Holz sowie ein Messer oder ein Beil.

Das Holzstück wird so gespalten, dass ein Gläubigerholz mit Kopfteil und ein kleineres Quittungsholz entstehen. In den Kopf des Gläubi­gerholzes wird die Hausmarke der Familie eingeschnitten, die das passende Quittungsholz besitzt.

Bei jeder Transaktion/jedem Einkauf werden Gläubiger­ und Quittungsholz passgerecht zusammengelegt. In beide Teile werden für jede Wertübertragung gleichzeitig entsprechend viele Kerben in beide Teile geschnitten. Wird der durch Kerben aufgezeichnete Wert schließlich durch eine äquivalente Gegenleistung ausgeglichen, werden beide Teile dieses gespaltenen Kerbholzes zerbrochen und dann vielleicht zum Feuer machen verwendet.

Wo Kerbhölzer als Verrechnungsmittel zum Ab­wickeln von Tauschgeschäften verwendet wurden, war Eigenkapital keine Voraussetzung für Handel.

Konnte die Schweiz mitten in Europa, umgeben von Monarchien, möglicherweise gerade deshalb demokratische politische Strukturen entwickeln und bewahren, weil der lokale und regionale Handel größtenteils mit Kerbhölzern abgewickelt wurde?

Max Gmür: Schweizerische Bauernmarken und Holzurkunde

Zinsen – Wucher oder Dienstleistungsgebühr

Zinsen gab es bereits bevor es Geld gab. Entliehenes Saatgetreide musste im alten Mesopotamien nach der Ernte gewöhnlich mit 100% Zins zurückgezahlt werden. Das hat natürlich dafür gesorgt, dass gerade jene, die mehr Getreide besaßen als sie essen konnten, immer reicher wurden. Jenen, denen der Hunger kein Getreide für die Aussaat übrig ließ, gerieten durch diese Zinsforderungen unweigerlich in eine Schuldenspirale und schließlich in Schuldsklaverei. Zins und Schuldsklaverei waren deshalb schon vor dem Entstehen des Alten Testaments immer wieder kritisiert und bekämpft worden.

Silvio Gesells Robinsonade bringt die Kritik am Naturalzins gut auf den Punkt: Als Robinson dem mittellos gestrandeten Freitag seine Vorräte an Nahrung und Kleidung gegen Zins abtreten will, rechnet Freitag ihm vor, wie der Wert seiner Vorräte durch Mäuse, Schimmel und andere natürliche Prozesse mit der Zeit schwindet. Robinson könne deshalb froh sein, wenn Freitag ihm alles Geliehene in einem Jahr ohne Aufschlag durch frische Güter ersetze. Zinsen auf Naturalien in jeder noch so geringen Höhe sind schlicht Wucher.

Beim Geldzins liegen die Dinge etwas anders. Ohne Kreditzins gibt es keinen Kredit, ohne Kredit gibt es in einer Geldwirtschaft keinen Handel, denn Handel erfordert seit der Bronzezeit Handelskapital (siehe Tafel 3: Hortgeld).

Geld muss hergestellt, verwahrt, transportiert, gezählt, gebucht – eben verwaltet werden. Das Verleihen von Geld ist eine Dienstleistung, die bezahlt werden muss. Auch besteht das Risiko des Kreditausfalls, also des Verlustes des verliehenen Geldes. Zinsen, die das Verlustrisiko und die Verwaltungs­kosten nicht übersteigen, sind deshalb nicht nur gerechtfertigt, sie sind notwendig.

Derart begrenzte Zinseinnahmen führen nicht zu wachsender Vermögensbildung, da diese Zinseinnahmen für Betriebskosten der Bank wieder ausgegeben werden müssen und so wieder in Umlauf kommen.

Samirah Kenawi: Geschichte des Geldes

Eigentum – Folge schlechter Geldverteilung

Wenn Rousseau schreibt: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‚Das ist mein’ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.“ hat er Unrecht. Rousseau beschreibt hier zweifelsfrei die Entstehung von Besitz durch Okku­pation. Doch wer heute ein leer stehendes Haus besetzt, weiß, dass dadurch kei­ne Eigentumsrechte entstehen.

Das Inbesitznehmen von Ackerland war Voraussetzung für das Sesshaftwerden der Menschen. Bis aus Landbesitz Landeigentum wurde, vergingen Jahrtausen­de. Wer Land besitzt, muss es bewohnen, bebauen, beschützen oder anderwei­tig direkt nutzen.

Wer Land sein eigen NENNT, kann von jenen, die dieses Land besitzen, also nutzen, Bodennutzungsgebühr in Form von Pacht oder Miete erheben. Eigen­tumsrechte ermöglichen Rendite, sofern sie von Besitzrechten getrennt sind.

Die Idee Land zu kaufen und zu verkaufen, konnte erst entstehen, nachdem der ursprüngliche Gemeinschaftsbesitz an Ackerland (Clanbesitz) durch Gewalt und Intrigen an allmächtige Herrscher übergegangen war. Als Vertreter Gottes verstanden sich diese Herrscher auch als Eigentümer des Bodens.

Die Notwendigkeit „ihr“ Land zu verkaufen entstand, sobald die Staatskassen nicht mehr durch immer neue Münzprägung gefüllt werden konnten und das früher geprägte, im Umlauf befindliche Geld sich in den Truhen weniger Su­perreicher gesammelt hatte.

Diese Superreichen besaßen bereits allen irdischen Luxus und gaben ihr Geld (das gesellschaftliche Tauschmittel) nur für etwas bisher unverkäufliches her – für Boden. Erst durch extreme Ungleichverteilung von Geld wurde Land als Ware (ver)käuflich. Erst infolge extremer Geldakkumulation in nur wenigen Händen entstand so neben dem Bodenbesitz das Bodeneigentum.

Samirah Kenawi: Manifest für das 22. Jahrhundert

Zinseszins – Reichwerden durch Sparen?

Reich werden durch Zinseszins, das lässt sich wunderschön in Kurven darstellen. Dabei bleibt die Frage, wo die erste Millionen herkommt, die als Spargeld angelegt wird, stets ausgeblendet.

Diese erste Million ist niemals zusammengekommen, weil ein Kind sein Taschengeld nicht für Eis oder eine Fahrt mit der Achterbahn ausgegeben, sondern statt dessen aufs Sparbuch eingezahlt hat. Es würde 100 Jahre dauern, in denen kontinuierlich 10% Sparzinsen gezahlt werden, bis aus den 100 Euro gespartem Taschengeld etwas mehr als 1 Millionen Euro geworden sind.

Es würde weitere 75 Jahre dauern, bis aus der ersten Millionen bei weiter kontinuierlich 10% Sparzinsen 1 Milliarde geworden sind. Dann ist auch die Erbengeneration des sparsamen Kindes längst verstorben ohne je auch nur einen Cent des Geldes ausgegeben zu haben.

Durch Sparen sind noch nie große Vermögen entstanden. Vielmehr haben Inflationen, Währungsschnitte und Währungsreformen gerade die Spargut­haben der kleinen Leute immer wieder vernichtet.

Der Traum durch Zinseszins reich zu werden, lenkt von der eigentlichen Quelle des Reichtums ab – dem Profit. Nicht Sparen, sondern gewagt investieren, riskant spekulieren, geschickt kaufen und verkaufen ermöglichen Mehreinnahmen, die schnell zu einem Vermögen anwachsen. Doch nur selten boomt die Wirtschaft derart, dass legale Geschäfte zweistellige Renditen abwerfen. Die braucht es, um in nur einem Leben ein mehrstelliges Milliardenvermögen anzuhäufen.

Fehlen rentable Geschäftsfelder hilft ein Gesetz wie CETA, einkalkulierte aber entgangene Profite von Regierungen einzufordern. Dazu sind jedoch nur die wirklich großen Player in der Lage. Um in dieser Liga mitzuspielen, gilt es sehr schnell sehr reich zu werden. Der Zinseszins reicht dazu nicht aus.

Samirah Kenawi: Das kapitalistische Geldsystem

Kreditgeld – Eine Folge des Zinsverbotes

Um den Transport von Bargeld zu vermeiden, wurden bereits in der Antike Wechsel erfunden. Wechsel machten es möglich, am Abreiseort Bargeld einzuzahlen, um es sich am Zielort der Reise in bar auszahlen zu lassen. Der antike Wechsel regelte Einzahlung und Auszahlung in nur einem Wechselbrief.

Das christliche Zinsverbot verführte die Kaufleute, Wechselbriefe als Kreditverträge zu nutzen. Dazu wurde der ursprüngliche Wechsel in zwei Wechsel aufgespalten. Einer regelte die Auszahlung des Kredites, der zweite die Rückzahlung.

Jacques Le Goff – ein Spezialist für das Mittelalter – schreibt:

„Die Entwicklung des Wechsels, des Hauptelements im Aufstieg der Kauf­mannsschicht, hatte ihren Ursprung im Wunsch der Kaufleute, der Kirche zu gehorchen, was dadurch gelang, daß sie eine Kreditoperation, die die Kirche mißbilligte, durch eine Wechseloperation ersetzte, die sie tolerierte.“

So entstand durch das Zinsverbot der Eigenwechsel. Der Eigenwechsel eröff­nete die Möglichkeit statt mit Bargeld mit einem Schuldschein zu bezahlen. Mit dem Eigenwechsel entstand das Kreditgeld, denn er ist ein Versprechen, die heute empfangene Ware später, an einem anderen Ort in bar zu bezahlen. Der Eigenwechsel ist also ein Zahlungsversprechen und doch zugleich auch Zahlungsmittel.

Wer Eigenwechsel in Zahlung nimmt, glaubt den Wechsel durch Bargeld gedeckt. Wer mit Eigenwechseln zahlt, braucht kein Bargeld um Ware zu kaufen. Es genügt, die Illusion zu erzeugen, ausreichend Bargeld zu besitzen. Das Bargeld zum späteren Einlösen des Wechsels wird aber meist erst durch den Verkauf der Ware eingenommen, die zuvor mit dem Wechsel erworben wurde.

Samirah Kenawi: Geschichte des Geldes

Geldschöpfung – Mit Schuldscheinen bezahlen

Auszüge aus dem Lehrfilm der Fernuniversitat Hagen von 1982

“Geld, Geldmenge, Geldschöpfung”

Dozent: Dr. F. P. Helms

Dr. Helms: Herr Doktor Schlesinger, sie sind Präsident der Deutschen Bundesbank also unserer Zentralbank. Sie sollten es daher also wissen. Gibt es…Grenzen der Geldschöpfung für die Zentral­bank?

Dr. Schlesinger: Ja und nein! Nein insofern als man natürlich theoretisch sagen kann, ist gibt kein Liquiditätsproblem für eine Zentralbank binnenwirtschaftlich betrachtet. Eine Zentralbank könnte sozusagen ihr eigenes Geld ­ihr Zentral­bankgeld­ so ausweiten, wie es nun immer für richtig gehalten wird.

Aber andererseits ist das überhaupt kein Kriterium…die Bundesbank…muss die Geldversorgung der Wirtschaft mit dem Ziele steuern, dass die Währung stabil bleibt und damit sind ihr Grenzen bei der Ausweitung der von ihr geschaffenen Geldmenge gesetzt. Anders ausgedrückt, wenn sie zu weit geht und damit Fehlentwicklungen auslöst, eine inflatorische Entwicklung auslöst, wenn die eigene Währung gegenüber anderen Währungen dadurch abgewertet wird, dann wird deutlich, dass sie zu weit gegangen ist. …es war gut, dass der Gesetzgeber das hinein geschrieben hat, damit alle­ die Notenbank­ daran denken,­ aber auch alle anderen Banken daran denken­, dass eine Notenbank eben nicht alles kann.

Dr. Helms: Soweit die Zentralbank. Aber wie sieht es mit den Geschäftsbanken aus? Wir wollen dazu den Direktor einer Hagener Geschäftsbank befragen. Herr Helpenstein, gibt es Grenzen der Geld­schöpfung für die Geschäftsbanken?

Hr. Helpenstein: Ja! Das Geschäfts­bankengeld ist kein gesetzliches Zahlungs­mittel. Erwirbt unsere Bank einen Vermö­genstitel und stellen wir als Gegenleistung ein Sichtguthaben zur Verfügung, so ist damit unsere Zahlungsverpflichtung noch nicht erloschen. Der Inhaber dieses Sichtguthabens kann jederzeit den Umtausch in Bargeld verlangen. Wir müssen daher bei unserer Geldschöpfung Rücksicht nehmen auf das uns zur Verfügung stehende Zentralbankgeld, die so genannte Barreserve.

Dr. Helms: Wie hoch muss denn die Barreserve sein, damit der laufende Bargeldbedarf der Kunden jederzeit gedeckt werden kann?

Hr. Helpenstein: Gemessen an unseren Gesamteinlagen wären dies deutlich weniger als ein Prozent. Unsere tatsächlichen Barreserven sind jedoch wesentlich höher. Allein schon deswegen, weil wir gesetzlich gezwungen sind, gewisse Mindestreserven zu unterhalten.

Textfeld: Mit der Abschaffung des Bargeldes verliert die Zentralbank jede Möglichkeit die Geldschöpfung der Geschaftsbanken zu kontrollieren und also zu steuern.

Wertpapiere – Handel mit Schuldscheinen

Wie auch immer sie heißen, sämtliche an den Finanzmärkten gehandelten Finanzprodukte sind Schuldscheine. Schuldscheine sind die einzigen Produkte, die Banken erzeugen. Sie entstehen bei jeder Kreditvergabe.

Wahrscheinlich wurde bereits in der Antike mit Schuldscheinen gehandelt. Doch erst im modernen Kreditgeldsystem schaffen Banken für den Kauf von Schuldscheinen Geld. Diese fatale Entwicklung hat zur völligen Entfesselung des Finanzkapitalismus geführt.

Die Behauptung, Kapitalmärkte dienen dazu, Unternehmen mit Kapital zu versorgen ist genauso falsch, wie die Legende Kapitalmärkte dienen dazu, sich gegen finanzielle Risiken abzusichern. Letzteres sollte durch die verheerenden wirtschaftlichen Schäden, die die Finanzkrisen immer wieder angerichtet haben, hinreichend widerlegt sein. Doch der Glaube an die Risikostreuung hält sich hartnäckig, allen widersprechenden Erfahrungen zum Trotz.

Um die Illusion aufzulösen, Kapitalmärkte würde Unternehmen mit Kapital versorgen, muss hinter die Kulissen gesehen werden. Tatsächlich beschaffen sich Unternehmen Geld, indem sie bei Banken Kredite aufnehmen. Die Banken schaffen das Geld für die Unternehmen durch ihre Geldschöpfung aus dem Nichts. Gleichzeitig entstehen mit dieser Kreditvergabe Schuldscheine. Diese Schuldscheine verkaufen die Banken an den Kapitalmärkten als Anteilsscheine der Unternehmen ans Publikum. Das Geld, das sie für diese Schuld­scheine/Wertpapiere einnehmen, reichen die Banken nicht an die Unternehmen weiter, sondern vernichten es.

Das Publikum, das die Schuldscheine der Unter­nehmen als Wertpapiere kauft, tilgt in Wahrheit die Kredite der Unternehmen in den Bankbilanzen.

Niemals fließt nach Kauf sogenannter Wertpapiere Geld in ein Unternehmen.

Samirah Kenawi: Das kapitalistische Geldsystem

Geldkreislauf – Ständige Kreditausweitung

Geld entsteht durch Kreditaufnahme (1) und gelangt durch Ausgaben in den Kreislauf. Genauso wie es durch Kreditaufnahme entsteht, verschwindet es durch Kredittilgung (2) wieder in dem Nichts aus dem es gekommen ist.

Das mag verwundern, doch dagegen ist wenig einzuwenden. Da Geld ein Tauschmittel für Waren ist, sollte es auch mit den Waren entstehen und vergehen.

Tatsächlich kann durch Kontokorrentkredit (1) Geld für den Warenumsatz entstehen. Doch diese Kredite sind teuer und durch die Banken jederzeit kündbar.

Infolgedessen erfolgt die Geld­versorgung der Realwirtschaft (3) maßgeblich durch Investitions­kredite (4).

Da durch Kredittilgung stets Geld vernichtet wird, müssen ständig neue Kredite vergeben werden. Das zwingt dazu, immer neue, stets Profit versprechende Investitionsprojekte zu erfinden oder zu entwickeln.

Profitabel müssen Investitions­vorhaben erscheinen, weil sonst von Unternehmen dafür keine Kredite aufgenommen werden.

Sinkt die Kreditaufnahme der Unternehmen im Inland, müssen sogenannte Entwicklungsländer (5) dazu gebracht werden auf Kredit bei uns einzukaufen.

Reicht auch dieser Geldzufluss nicht aus, muss der Staat (6) als Kreditnehmer auftreten.

Das Geld, das als Profit (7) unentwegt aus der Realwirtschaft (3) herausgezogen wird, jagt derweil in der Finanzwirtschaft (8) weiterem Profit nach. Wenn durch diesen Geldfluss die Wert­papierpreise stetig steigen, verselbständigt sich die Geldschöpfung in der Finanzwirtschaft (8). Banken schaffen dann immer mehr Geld durch Innerbankenkredite (9), allein zum Zweck Wertpapiere zu kaufen und bald darauf mit Gewinn weiter zu verkaufen. Die Finanzwirtschaft ist ein Kettenbriefsystem. Sie funktioniert nur solange die Geldmenge in ihr ständig wächst.

Die Realwirtschaft (3) wird immer stärker vom Geldzufluss aus der Finanzwirtschaft (8) abhängig, da die direkte Geldversorgung der Realwirtschaft durch Investitionskredite (4), Auslandskredite, d.h. durch Exporterlöse (5) und Ausweitung der Staatsverschuldung (6) nicht mehr ausreicht.

Werden kapitalgestützte Renten (10) verkonsumiert, fließen Finanzmarktgewinne in die Realwirt­schaft. Auch Einkommen, die im Investmentbanking (11) entstehen, bewirken einen Geldzufluss in die Realwirtschaft. Reichen diese Zuflüsse nicht aus, muss der Staat privatisieren (12). D.h. er muss gesellschaftliches Eigentum genau an jene verkaufen, die an den Finanzmärkten mit dem aus der Realwirtschaft entzogenem Geld noch mehr Geld verdient haben.

Da die Finanzwirtschaft zunehmend zu einer der Geldquellen der Realwirtschaft geworden ist, werden die Finanzmärkte im Krisenfall durch den Staat geschützt und gestützt.

Die Wirtschaft steht auf dem Kopf.                                       YouTube: Der kapitalistische Geldkreislauf

Warengeld – Eine Utopie

Um dem heutigen wirtschaftlichen Wahnsinn zu entkommen und die Wirtschaft vom Kopf auf die Füße zu stellen, muss die Geldschöpfung sinnvoll begrenzt und kontrollierbar gemacht werden. Da Geld in erster Linie ein Tauschmittel für Waren ist, ist es sinnvoll und logisch die Geldschöpfung an die Warenwertschöpfung zu koppeln. Dadurch wird Geld strukturell zu einem Gutschein für eben die geschaffenen Warenwerte. Das so entstehende Warengeld kann dem Kreislauf des Werdens und Vergehens der Ware, durch Produktion und Konsum, dauerhaft folgen.

Um ein Warengeld durchsetzen zu können, muss die Profitlogik aufgelöst werden. Das heißt, Profiterwartung darf nicht länger als notwendige und sinnvolle wirtschaftliche Triebkraft angesehen werden.

Damit die Profitlogik ursächlich aufgelöst werden kann, muss die Notwendigkeit, Eigenkapital als Voraussetzung für unternehmerisches Handeln akkumulieren zu müssen, beseitigt werden.

Eigenkapital wird überflüssig, wenn neue Möglichkeiten geschaffen werden die drei Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Produktionsmittel auf demokratische Weise bereit zu stellen. Voraussetzung für diese Bereitstellung darf nicht vorhandenes Kapitalvermögen sein. Allein vorhandenes Leistungsvermögen, d.h. Wissen, Kompetenz und Leistungswille sollen über die Vergabe der drei Produktionsfaktoren entscheiden. Nicht wie heute üblich durch Kauf, sondern allein durch vertragliche Regelung sollen die drei Produktionsfaktoren verfügbar gemacht werden.

Durch vertragliches Bereitstellen von Geld für Investitionen (Produktionsmittel) und Löhne (Arbeit) sowie von Boden aus allgemeinem gesellschaftlichem Besitz wird genau das unternehmerische Handeln ermöglicht, das von der Gemeinschaft gewünscht wird.

Samirah Kenawi: Vorschlag für eine Geldreform

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