John Fullertons Regenerative Capitalism ist ein inspirierendes und zugleich ausgewogenes Werk, das die enge Verbindung zwischen Finanzsystemen und den Prinzipien der Regeneration beleuchtet. Das Buch lädt dazu ein, die Muster und Gesetzmäßigkeiten der Natur zu lesen und diese in das Design unserer Wirtschaft und unseres Geldsystems zu übertragen. Dadurch öffnet sich ein neuer Denkraum jenseits der gewohnten Kategorien von Kapitalismus versus Sozialismus, rechts versus links, Neoliberalismus versus Keynesianismus. Fullerton plädiert für einen Paradigmenwechsel, der diese überkommenen Dualismen hinter sich lässt.
Besonders eindrücklich ist sein Gedanke, Wohlstand holistisch zu betrachten. Anstatt sich ausschließlich auf materielles oder finanzielles Kapital zu konzentrieren, fordert er auf, auch soziale, kulturelle oder spirituelle Formen des Wohlstands zu würdigen. Diese Erweiterung des Blicks vermittelt eine tiefere Vorstellung davon, was eine gesunde Gesellschaft ausmacht.
Die Stärke des Buches liegt in der klaren Verbindung zwischen Finanzsystemen und regenerativen Prinzipien. Fullerton bringt wertvolle Aspekte auf den Tisch und schafft es, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen. Für Leser:innen, die bereits tiefer in regenerative Ansätze eingetaucht sind, mögen einige Beispiele jedoch wenig überraschend wirken. So etwa die Betonung des Stakeholder-Ansatzes als Gegenstück zum Shareholder-Primat – ein Gedanke, der für ein stark einseitig geprägtes Publikum neu wirken mag, für viele jedoch bereits selbstverständlich ist.
Ein blinder Fleck bleibt zudem: Das Thema Macht und die Gründe, warum der Umbau des Systems – so logisch er erscheinen mag – verhindert oder blockiert wird, wird nicht adressiert. Fullertons Arbeit ist weniger ein konkreter Fahrplan, sondern vielmehr ein Whitepaper im Sinne von: Das sind die Prinzipien, nach denen es sein könnte – und hier finden sich Beispiele, wo dies bereits praktiziert wird.
Fazit
Trotz dieser Lücken ist das Buch hoch relevant. Es gehört zu den wenigen konzeptionellen Ansätzen, die das Thema Regeneration explizit mit Finanz- und Wirtschaftssystemen verknüpfen. Die acht Prinzipien, die Fullerton entwickelt, sowie die dazugehörigen Annahmen und Fallbeispiele bieten eine exzellente Grundlage für den weiteren Dialog. Spannend wäre es, die im Buch vorgestellten Lösungen systemisch zu analysieren und dabei auch die hemmenden Faktoren einzubeziehen, die bislang kaum thematisiert werden.
Empfehlen würde ich das Buch allen, die Freude an abstrakten wirtschaftlichen Theorien haben. Ebenso wie jenen, die konkrete Fallstudien und Praxisbeispiele suchen, in denen Elemente eines regenerativen Finanzsystems bereits umgesetzt werden.
Über die Autorin der Rezension
Inge Patsch ist Gründerin von Regeneration Pioneers. Sie begleitet Menschen, die den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten, dabei, komplexe dynamische Herausforderungen im Rahmen ihres Engagements besser zu begreifen und in Form einer „systemischen Landkarte“ zu kartografieren und anschließend in konkrete Organisationsstrategien zu übersetzen. Diese ermöglicht ihnen, gezieltere Schritte für das Projekt ihres Herzens zu setzen.